Lässt sich so der gordische Knoten durchschlagen?

25 11 2008

Unter der Überschrift „Erdkabel statt der ungeliebten Freileitung – lässt sich so der gordische Knoten durchschlagen?“ schreibt die Zeitschrift „>e energiespektrum“ in ihrer Ausgabe 05/2008 unter anderem:

[…]

Gegen »eine sachgerechte Debatte« hätte auch der Bundesverband Windenergie nichts einzuwenden. Differenzieren sollte man vor allem bei den Kosten, empfiehlt Geschäftsführer Bischof. In der Hochspannung sei mit maximal 20 % Mehraufwand zu rechnen.

In manchen Fällen liegen die Gesamtkosten einer Studie der Uni Duisburg-Essen zufolge sogar unter denen von Freileitungen. »Es wäre einfach zu sagen, wir bringen die 110 Kilovolt generell unter die Erde.« Vorteile wie bessere Akzeptanz, Beschleunigung und zeitgerechte Erfüllung der Klimaziele würden etwaige Mehrkosten aufwiegen. Das [in Bundesrat und Bundestag diskutierte, aber noch nicht verabschiedete] Erdkabelgesetz wertet der BWE als positives Signal. Allerdings müsste nachgebessert werden, so Bischof, da Kabel bis und einschließlich 110 kV nicht unter die Neuregelung fallen.

[…]

Vollständiger Artikel

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Mit Erdkabel wäre das nicht passiert. Heute vor drei Jahren knickten die Masten im Münsterland

25 11 2008

Am 25. November 2005 brachen durch das Schneechaos im Münsterland 82 Strommasten um und ließen so bis zu 250.000 Menschen tagelang ohne Strom in der Kälte zittern.  

Bild: Umgeknickte Strommasten nahe Münster 

Bild: Feuer im Schnee





Zu den Debatten im Bundesrat und Bundestag

17 11 2008

Liebe Mitstreiter,

anbei die uns ebenfalls zugeschickten Debatten

– im Bundesrat zum Entwurf eines Gesetzes zur Beschleunigung des Ausbaus der Höchstspannungsnetze und

– im Bundestag zum Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/Die Grünen.

Es ist m.E. ziemlich erschreckend, zu sehen, mit welcher Oberflächlichkeit da Gesetze begrüßt, beschlossen oder Anträge abgehandelt werden. Ich gehe im Folgenden nur auf die Kostenfrage ein. Das ist lang genug, könnte aber dem, der die ganzen Debatten nicht lesen möchte, die Sache etwas verkürzen. Also:

Ministerpräsident Wulff (CDU) von Niedersachsen (den ich hier nicht der Oberflächlichkeit zeihen möchte) argumentiert im Bundesrat gegen die von einigen Bundesländern geforderte – Herausnahme der vier Erdverkabelungs-Pilotprojekte aus dem Gesetzentwurf. Dabei geht er auch auf das Kostenargument der Netzbetreiber ein (das in aller Regel zumindest von den Wirtschaftsministerien auf Länder- und Bundesebene offenbar unhinterfragt übernommen wird):

„… selbst dann, wenn 30 % der etwa 1000 km neuen Freileitungen durch Erdkabel ersetzt würden, wären die Strompreise nur mit 0,004 Cent pro Kilowattstunde belastet. Bei dieser Kostenabschätzung wurden die vierfachen Mehrkosten gegenüber Freileitungen unterstellt. Im Einzelfall – dies zeigt das Beipiel einer niedersächsischen Pilottrasse – geht es konkret geplant mit dem Faktor 2,7 noch deutlich günstiger. Die Kosten werden nach derzeitiger Rechtslage über 40 Jahre abgeschrieben und auf den gesamten Stromverbrauch umgelegt. Also ist dies zu vernachlässigen. Aufgewogen wird es durch die beschleunigte Fertigstellung, durch geringere Stromverluste bei der Erdverkabelung und eine größere Wirtschaftlichkeit in der Unterhaltung der Trasse.“ (S. 261 f.)

Was würden die 0,004 Cent pro kWh für einen normalen Haushalt bedeuten? Laut Bund der Energieverbraucher (habe ich gegoggelt) verbraucht ein Haushalt im Schnitt 3.500 kWh im Jahr, ein Single-Haushalt 1.500 kWh. Mein Taschenrechner liefert mir für die Multiplikation von 0,004 mit 3.500 14 Cent, die 300 km Erdverkabelung von Höchstspannungsleitungen pro Jahr einen bundesdeutschen Haushalt kosten würden. Ungeheuerlich!

Dann kann man sich etwa ausrechnen, wie die Mehrbelastung der Haushalte aussehen würde, wenn man 110-kV-Leitungen, die noch wesentlich kostengünstiger zu verkabeln wären als 380-kV-Leitungen, ebenfalls erdverkabeln würde. Bei dieser 380-kV-Verkabelungsrechnung wurde mit einem Faktor 4 der Kosten für eine Erdverkabelung gegenüber einer Freileitung gerechnet. Im konkreten niedersächsischen Fall (und es muss ja eigentlich um konkrete Fälle gehen, abstrakte Leitungen gibt es nicht) kam man auf einen Faktor von 2,7. D.h. die 14 Cent sind noch zu hoch gegriffen.

Das Kostenargument – vom Verbraucher her argumentiert – ist also grotesk, anders kann man das nicht sagen. Es ist aber dies Kostenargument, das z.B. der brandenburgische Wirtschaftsminister Junghanns (CDU), gegen eine Teilverkabelung der Uckermarktrasse anführt. Wie kann es sein, dass reine Fakten- (nicht Glaubens-)Fragen innerhalb derselben Partei auf Landesregierungsebene in zwei benachbarten Bundesländern so unterschiedlich beantwortet werden? Haben die Brandenburger eine andere Physik? Oder dümmere Techniker? Oder Tiefbau-Löhne, die sich an den Vorstandsetagen von E.ON edis orientieren? Aber selbst, wenn eine Erdverkabelung in Brandenburg das 8-fache einer Freileitung kosten würde (d.h. doppelt so viel wie in der Rechnung von Wulff und dreimal so viel, wie für Niedersachsen geschätzt), läge die jährliche Mehrbelastung eines Haushalts immer noch weit unter einem halben Euro.

Zu vermissen ist allerdings, dass Herr Wulff klar macht, was er bei seiner Rechnung alles berücksichtigt hat. Sind es die reinen Investitionskosten? Sind es die Vollkosten über 40 Jahre, d.h. Investitions- plus Betriebskosten? Denn er relativiert seine Rechnung noch durch die Abschreibung über 40 Jahre, durch die Kostenersparnis, die durch die beschleunigte Fertigstellung erzielt wird, die geringeren Stromverluste bei der Erdverkabelung und eine größere Wirtschaftlichkeit der Trasse. Sind diese Ersparnisse alle noch von den 0,004 Cent abzuziehen? Man kann also nur sagen: die 0,004 Cent/kWh stellen offenbar die Obergrenze der Mehrbelastung dar. Wie weit die tatsächliche Belastung darunter liegt, kann man nicht sagen, da Herr Wulff leider nicht sagt, was er in seine Rechnung alles einbezogen hat. Bei einer so wichtigen Debatte müsste man das verlangen können. Wie soll sonst sachlich fundiert entschieden werden?

Und anschließend trägt, offenbar völlig unbeeindruckt von den 0,004 Cent von MP Wulff und seinen sonstigen Kostenminderungsargumenten, der Parlamentarische Staatssekretär vom Bundeswirtschaftsminister, Herr Schauerte (CDU) vor und zählt die Erdverkabelung zu den preistreibenden Faktoren, und dass „irgendwann nach einem wichtigen nachvollziehbaren ökologischen Argument gesucht [werde], mit dem sich die preistreibende Wirkung jeweils als noch vertretbar und vernünftig darstellen lässt.“ (S. 262 rechte Spalte unter (D)).

Schließlich gibt es eine Erklärung des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministers Krautscheid (CDU). Nordrhein-Westfalen werde die Vorschläge des Gesetzentwurfs, vier Pilotprojekte einer Erdverkabelung durchzuführen und die Kosten bundesweit umzulegen, nicht unterstützen (S. 301, linke Spalte). Er spricht von  „erheblichen Mehrkosten einer Verkabelung im Höchstspannungsbereich“ und befürchtet, „zu früh an die Grenzen der Belastbarkeit privater wie industrieller Energieabnehmer“ zu stoßen. (S. 301, rechte Spalte)

Dies Trauerspiel wird teilweise im Bundestag fortgeführt. Peter Hintze (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeswirtschaftminister, trägt vor:

„… Außerdem wissen wir, dass die Erdverkabelung fünf- bis zehnmal so teuer und der Nutzungszeitraum halb so lang wie bei der Freilandverkabelung ist.“ (S. 19530, linke Spalte Mitte).

In Niedersachsen ist es der Faktor 2,7, Herr Wulff rechnet aber, um auf der sicheren Seite zu sein, mit Faktor 4. Das Bundeswirtschaftminissterium weiß, dass es Faktor 5 bis 10 ist. Bei MP Wulff gibt es bei Erdkabeln geringere Stromverluste und eine größere Wirtschaftlichkeit der Trasse, bei Herrn Hintze ist der Nutzungszeitraum eines Erdkabels halb so lang wie bei der Freilandverkabelung (gemeint ist wohl Freileitung).

Da fasst man sich doch, entweder an der Vernunft oder dem Verantwortungsbewusstsein der Leute zweifelnd, an den Kopf (persönliche Äußerung von mir).

Es folgt Gudrun Kopp (FDP). Sie sagt, die FDP-Bundestagsfraktion stehe „der Erdverkabelung grundsätzliich skeptisch“ gegenüber. (S. 19530, rechte Spalte unten). Und fürchtet einen „Schneeballeffekt“: wenn mit der Erdverkabelung erstmal angefangen würde, wollten die alle haben. Das aber bedeutet, dass sich die Netzgebühren wieder erhöhen würden, „weil nämlich die Kosten für diese Erdverkabelung zwei bis zehn Mal so hoch sind“. Wieder eine neue Zahl, die wegen ihrer hohen Spanne nun garnichts mehr aussagt. Aber selbst wenn die 10 stimmen würde, wäre der Effekt, nach den Berechnungen von MP Wulff, immer noch eine jährliche Belastung eines durchschnittlichen bundesdeutschen Haushalts von unter einem halben Euro.

Im Übrigen gehen weder der Staatssekretär Hintze noch die Abgeordnete Frau Kopp auch nur mit einem Wort auf die im Antrag von B 90/Die Grünen, über den ja hier beraten wird, ebenfalls vorgebrachte 110-kV-Ebene ein.

Bodo Ramelow (Die Linke) spricht – und das hat wesentlich ebenfalls mit Kosten zu tun, und zwar mit unvergleichlich spürbareren Kosten als die in dieser Hinsicht für den Endverbraucher völlig vernachlägbare Frage Freileitung / Erdkabel – die Tatsache an, dass die Notwendigkeit von Neubauten fälschlich nicht unter dem Aspekt geprüft werde, was eine Netzertüchtigung brächte (S. 19531, rechte Spalte). Er fordert – als erster in diesem Punkt auf den Grünen-Antrag eingehend -, „dass bei 110-kV-Leitungen der Netzausbau ausschließlich über Erdkabel durchgeführt wird.“ (S. 19532 linke Spalte) Auf die Kostenfrage geht er nicht ausdrücklich ein..

Dr. Joachim Pfeiffer (CDU) stellt dar, dass durch die Regulierung der Netze für jeden Haushalt ein dreistelliger Betrag an Stromkosten eingespart worden sei. Und suggeriert, dass eine Erdverkabelung diese Kostenentwicklung in relevantem Umfang wieder umgekehren würde (man erinnere sich an die 14 Cent von Herrn Wulff).

„Aus diesem Grund bitten wir die Bundesregierung, zu prüfen, ob die Möglichkeit besteht, ein Veranlasserprinzip einzuführen, ähnlich wie in § 7 a Bundesfernstraßengesetz. Dies würde bedeuten, dass neben den Pilotprojekten den Ländern die Entscheidung überlassen wird, ob sie Erdkabel möchten oder nicht. Wenn sie sich für Erdkabel entscheiden, müssen sie die Kosten dafür selbst tragen. … Es bleibt also grundsätzlich bei Freileitungen. Wer eine teurere Ausführung will, muss diese selbst bezahlen. Das kann er seinen Wählern dann vermitteln und sich dafür entsprechend verantworten.“ (S. 19533 links Mitte).

Etwas pointiert angewandt auf die Prignitz: wir sollten besser keine Unterschriften sammeln, sondern stattdessen mit der Sammelbüchse rundgehen und für die E.ON edis sammeln, damit die es sich leisten kann, den Strom, von dem die Windmüller, die Netzbetreiber und weitgehend die außerhalb der Region siedelnden Haushalte und Betriebe profitieren, luxuriöserweise unter die Erde zu legen. Ein Kommentar dazu erübrigt sich.

Der § 7 a des Bundesfernstraßengesetzes lautet so: „Wenn eine Bundesfernstraße wegen der Art des Gebrauchs durch einen anderen aufwändiger hergestellt oder ausgebaut werden muss, als es dem regelmäßigen Verkehrsbedürfnis entspricht, hat der andere dem Träger der Straßenbaulast die Mehrkosten für den Bau und die Unterhaltung zu vergüten. Das gilt nicht für Haltestellenbuchten für den Linienverkehr. Der Träger der Straßenbaulast kann angemessene Vorschüsse oder Sicherheiten verlangen.“

Hans-Josef Fell (B 90/Die Grünen) spricht, wie schon Herr Ramelow, die Vorrangigkeit von Ertüchtigungsmaßnahmen des bestehenden Netzes an, „die die Netzausbaukosten drastisch reduzieren können“. Herr Fell führt zugunsten von Erdkabeln auf, was bei einem Kostenvergleich mit Freileitungen zu berücksichtigen ist:

„Die Mehrkosten für die Investitionen im Höchstspannungsbereich können häufig durch geringere Betriebskosten und einen beschleunigten Bauprozess sowie durch höhere Sicherheit wettgemacht werden, vor allem wenn eine volle Kostenrechnung für Verlegekosten, Kabelkosten, Betriebskosten, Übertragungsverluste und Nutzungsdauer gemacht wird.“ „Wenn man eine Vollkostenrechnung macht, kommt man zu dem Ergebnis, dass Erdkabel keine höheren Kosten verursachen.“ (S. 19534, rechte Spalte).

Was keiner unter den Kosten anführt, sind die „sozialen Kosten“ von Freileitungen, die in der gesundheitlichen Beeinträchtigung von Mensch und Tier bestehen und in der Abwertung der Region für Wohnen und Tourismus.

Schließlich noch zwei zu Protokoll gegebene Beiträge:

Marko Mühlstein (SPD) plädiert dafür, „die Frage der Erdverkabelung unideologisch zu betrachten! In Wohn- oder Naturschutzgebieten sind Erdkabel aus meiner Sicht eine sehr sinnvolle Alternative. Und weil die Erdkabel auf 110-kV-Ebene kostenseitig durchaus interessant sind, bin ich sehr für die Aufnahme der 110-kV-Ebene in den Gesetzentwurf.“

Meine bange Frage: wäre das nicht eher zu fürchten? Man kann ja heilfroh sein, dass die Frage der 110-kV-Leitungen nicht auf Bundesebene mit ihrer  unsäglichen Argumentations-Qualität abgehandelt wird wie die der Höchstspannungsleitungen!

Schließlich und als Letzter: Engelbert Wistuba (SPD): „Ich hege persönlich eine gewisse Sympathie für den Einsatz von Erdkabeln.“ Aber sie sollten tatsächlich geeignet sein, die regionalen Widerstände gegen neue Leitungen abzubauen und das Verfahren verkürzen, was einen zeitlichen Mehrwert schafft, der die Investitionen rechtfertigen könnte. Doch man müsse sicher sein, dass die Technologie auch ausgereift ist. Zur 110-kV-Ebene bringt er nichts.

Viele Grüße,

Rainer Schneewolf





Leben unter Starkstrom fördert Alzheimer – Hochspannungsleitungen können Risiko verdoppeln

17 11 2008

von Anke Brodmerkel

 

Wer mindestens zehn Jahre weniger als fünfzig Meter von einer Hochspannungsleitung entfernt lebt, hat ein erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Darauf deutet eine Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hin, die in der Fachzeitschrift American Journal of Epidemiology erschienen ist. Anke Huss und ihre Kollegen berücksichtigten für ihre Untersuchung die gut neuntausend in der Schweiz aufgetretenen Alzheimer-Todesfälle zwischen den Jahren 2000 und 2005.

Frühere Studien ließen bereits vermuten, dass Personen, die beruflich starken magnetischen Feldern ausgesetzt sind, ein erhöhtes Alzheimer-Risiko haben. Die Berner Untersuchung, in der nach Angaben der Universität weltweit zum ersten Mal explizit der Frage nachgegangen wurde, ob auch Magnetfelder von Hochspannungsleitungen neurodegenerative Erkrankungen verursachen, scheint diesen Zusammenhang zu bestätigen.

Das Team um Huss bestimmte für jeden der an Alzheimer verstorbenen Patienten, ob und wie lange dieser in unmittelbarer Nähe zu einer 220- oder 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung gelebt hatte. Das Ergebnis: Menschen, die 15 Jahre lang in direkter Nähe zu Hochspannungsleitungen gelebt hatten, besaßen ein doppelt so hohes Risiko, an Alzheimer zu erkranken, wie die restliche Bevölkerung. Dabei schien die Gefahr einer Erkrankung parallel zur Wohndauer anzusteigen. Kein erhöhtes Risiko fand sich bei Menschen, die zwischen 50 und 600 Meter entfernt von einer Hochspannungsleitung gelebt hatten. Auch bei anderen neurodegenerativen Krankheiten wie Parkinson oder Multipler Sklerose ließen sich keine vergleichbaren Zusammenhänge entdecken. Der Grund, warum Magnetfelder von Hochspannungsleitungen das Alzheimer-Risiko erhöhen, ist noch unklar. (bro.)

American Journal of Epidemiology, DOI: 10.1093/aje/kwn297